Neues KI-Tool erstellt „Stammbaum“ von Eisbergen aus fragmentierten Eis-Puzzleteilen
Ein neues KI-Tool, das von Wissenschaftlern der British Antarctic Survey entwickelt wurde, verfolgt erstmals Eisberge von ihrer Entstehung bis zu ihrem Zerbrechen.

Der erste „Stammbaum“ von Eisbergen wurde mithilfe eines neuen Tools für künstliche Intelligenz erstellt, das von Wissenschaftlern des British Antarctic Survey (BAS) entwickelt wurde.
Das Tool verfolgt automatisch den Lebenszyklus eines Eisbergs, während dieser über die Weltmeere treibt, schmilzt und zerbricht, und schließt damit eine wichtige Lücke in Klimaprognosemodellen.
Family link
Wissenschaftler verfolgen in der Regel nur die größten Eisberge einzeln per Satellit, was jedoch ein großes Problem mit sich bringt: Was passiert, wenn ein Eisberg in kleinere Stücke zerbricht? Diese Stücke sind schwieriger zu verfolgen, und ihr Verbleib ist weitgehend unbekannt. Es ist jedoch entscheidend zu wissen, was mit ihnen geschieht, denn wenn ein Eisberg schmilzt, gelangen große Mengen Süßwasser in den Ozean. Wo dieses Süßwasser – und die darin enthaltenen Nährstoffe – in den Ozean gelangt, ist wichtig: Es kann die Meeresströmungen verändern und die marinen Ökosysteme sowie die globalen Klimamuster auf eine Weise beeinflussen, die noch kaum verstanden ist.
Das neue Tool nutzt Satellitenbilder, um einzelne Eisberge zu lokalisieren und zu kennzeichnen und sie dann über einen längeren Zeitraum zu verfolgen. Wenn ein großer Eisberg bricht, kann die KI die verstreuten einzelnen „Kind”-Fragmente wieder mit ihrem ursprünglichen „Eltern”-Eisberg verbinden.
„Das Spannende daran ist, dass wir damit endlich die Beobachtungen erhalten, die uns bisher gefehlt haben. Wir sind davon abgekommen, nur einige wenige berühmte Eisberge zu verfolgen, und erstellen nun vollständige Stammbäume. Zum ersten Mal können wir sehen, woher jedes Fragment stammt, wohin es gelangt und warum dies für das Klima von Bedeutung ist“, sagt Ben Evans, Experte für maschinelles Lernen bei der BAS.
Teile des digitalen Puzzles
Das System analysiert die charakteristischen geometrischen Formen von Eisbergen, wie sie auf Satellitenbildern zu sehen sind. Wenn ein Eisberg bricht, führt die KI im Wesentlichen ein digitales Puzzle durch; sie setzt die Fragmente zusammen, die einst miteinander verbunden waren, um einen detaillierten „Stammbaum“ dieser massiven Eisformationen zu rekonstruieren.

Dies liefert wichtige neue Informationen darüber, wo das Schmelzwasser der Eisberge in den Ozean gelangt, die in Klimaprognosen einfließen können, darunter auch in das NEMO-Ozeanmodell, das Teil des britischen Erdsystemmodells ist.
Das System, das anhand realer Beobachtungen von Eisbergen aus dem Petermann-Gletscher und anderen Teilen Nordwestgrönlands trainiert wurde, könnte auch in der Navigation Anwendung finden und Schiffen in polaren Gewässern dabei helfen, besser zu verstehen, woher gefährliches Eis kommt und wie es sich voraussichtlich bewegen wird.
Quellenhinweis:
Icebergs, jigsaw puzzles, and genealogy: automated multi-generational iceberg tracking and lineage reconstruction, The Cryosphere, 2026. Evans, B.R., et al.