Vogelsterben destabilisiert Ökosysteme: Neue globale Studie warnt vor drohenden Funktionsverlusten

Eine weltweite Analyse zeigt, wie stark Ökosysteme von Vogelarten abhängen. Besonders in Agrar- und Stadtlandschaften verlieren Lebensgemeinschaften ihre Stabilität – mit Folgen für Biodiversität, Klima und Landwirtschaft.

Grünviolett-Ohreulen, Colibri thalassinus, Blüte in Savegre, Costa Rica, Vögel, Bestäuber
Grünviolett-Ohreulen (Colibri thalassinus) besuchen eine Blüte in Savegre, Costa Rica – ein Beispiel für die wichtige Rolle von Vögeln als Bestäuber.

Der Rückgang der Vogelwelt gilt seit Jahren als Symptom einer umfassenden ökologischen Krise. Doch eine neue globale Studie zeigt: Das Vogelsterben hat Auswirkungen, die weit über die reine Artenzahl hinausgehen.

Wenn bestimmte Arten verschwinden, verliert die Natur nicht nur Vielfalt, sondern auch Stabilität. Die ökologische Balance gerät ins Wanken – teilweise schneller, als Forschende bislang vermutet hatten.

Was die Studie untersucht hat

Ein internationales Forschungsteam analysierte 3.696 Vogelarten aus 1.281 weltweit verteilten Vogelgemeinschaften. Dabei kombinierten sie genaue Messdaten zu Körperbau, Verhalten, Ernährungsweise und ökologischen Rollen der Arten.

Die zentrale Frage:

Wie verändert sich die Fähigkeit eines Ökosystems, Störungen zu verkraften, wenn Landschaften landwirtschaftlich genutzt oder urbanisiert werden?

Das Ergebnis ist eindeutig.

Über alle Regionen hinweg verlieren Vogelgemeinschaften bei zunehmender Landnutzung sowohl funktionale Vielfalt als auch jene Redundanz, die sie stabil hält. Damit schrumpft das ökologische „Sicherheitsnetz“, das Ökosysteme vor Zusammenbrüchen schützt.

Warum funktionale Redundanz entscheidend ist

In ungestörten Lebensräumen übernehmen viele Arten ähnliche Aufgaben: Samen verbreiten, Insekten regulieren, Pflanzen bestäuben. Fällt eine Art aus, kann eine andere einspringen. Diese „Versicherungspolice der Natur“ nennt man funktionale Redundanz.

Doch in intensiv genutzten Landschaften bricht genau dieses Prinzip weg. Dort überleben oft nur wenige, robuste Generalisten. Spezialisten, die einzigartige Funktionen erfüllen, verschwinden zuerst – und mit ihnen wichtige ökologische Dienste.

Die Studie zeigt, dass dieser Verlust an Redundanz schneller voranschreitet als erwartet. Selbst wenn einige Arten überleben, bleibt kaum ein funktionaler Puffer übrig, der zukünftige Belastungen abfedert.

Gefährdete Schlüsselrollen: Fruchtfresser und Insektenjäger

Besonders kritisch ist die Situation bei jenen Vogelgruppen, die zentrale Aufgaben für Ökosysteme erfüllen: Frugivoren, also Fruchtfresser, und Invertivoren, die Insekten jagen. Beide Gruppen zeigen weltweit starke Rückgänge.

Frugivoren verteilen Samen und ermöglichen es Pflanzen, sich in veränderten Landschaften auszubreiten. Insektenjäger regulieren Schädlinge und stabilisieren damit sowohl natürliche als auch landwirtschaftliche Systeme.

Wenn diese Gruppen schrumpfen, können ihre Funktionen kaum ersetzt werden. Die Forschenden warnen: Schon wenige zusätzliche Artenverluste können zu abrupten Einbrüchen führen.

Simulationen zeigen düstere Szenarien

Die Studie modellierte zudem, wie sich weitere Aussterbeereignisse auswirken würden – etwa durch Klimawandel oder Pestizide. Das Ergebnis:

In Agrar- und Stadtlandschaften bricht die funktionale Vielfalt deutlich schneller zusammen als in natürlichen Habitaten. Die Systeme sind weniger widerstandsfähig, weil ihnen die Vielfalt ähnlicher Arten fehlt, die im Notfall einspringen könnten.

Besonders in tropischen Regionen, die viele spezialisierte Arten beherbergen, drohen rasche ökologische Kettenreaktionen. Dort gibt es kaum Ersatzarten, die die Rolle verschwundener Spezies übernehmen können.

Was Politik und Gesellschaft daraus lernen müssen

Die Ergebnisse zeigen deutlich: Menschlich geprägte Landschaften sind funktional fragiler, als ihr Artenreichtum vermuten lässt. Selbst robuste Arten können langfristig nicht kompensieren, was durch das Verschwinden spezialisierter Vogelarten verloren geht.

Deshalb betonen die Forschenden die Bedeutung naturnaher Vegetation, Renaturierungsmaßnahmen und des Schutzes funktionaler Vielfalt – nicht nur aus Naturschutzgründen, sondern auch aus gesellschaftlichem Eigeninteresse.

Denn dort, wo Vogelarten fehlen, verlieren Ökosysteme ihre Widerstandskraft. Und ohne stabile Ökosysteme fehlen auch uns Menschen die Grundlagen für Ernährungssicherheit, Klimaregulation und biologische Vielfalt.

Quelle

Weeks, Thomas L., Patrick A. Walkden, David P. Edwards, Alexander C. Lees, Alexander L. Pigot, Andy Purvis, and Joseph A. Tobias. 2025. “Land-Use Change Undermines the Stability of Avian Functional Diversity.”