Was passiert mit Walen, wenn sie sterben?
Die Frage mag ungewöhnlich klingen. Doch tatsächlich wurden bereits Walüberreste gefunden, von denen einige 5,3 Millionen Jahre alt sind.

Wenn ein Wal auf offener See stirbt, ist seine Geschichte noch lange nicht zu Ende. Sein riesiger Kadaver kann auf dem Meeresboden zu einer regelrechten „Insel des Lebens“ werden, die jahrzehntelang einer Vielzahl von Arten als Nahrungsquelle dient. Dieses als „Whale Fall“ bezeichnete Phänomen fasziniert Wissenschaftler schon seit mehreren Jahrzehnten.
Eine kürzlich im Indischen Ozean gemachte Entdeckung hat unser Verständnis dieser einzigartigen Ökosysteme grundlegend verändert.
Ein internationales Team unter der Leitung des Forschers Xiaotong Peng von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften hat das entdeckt, was heute als der größte und älteste jemals gefundene Walfriedhof gilt. Die Ergebnisse wurden im Juni 2026 in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht.
Der Tod eines Wals markiert den Beginn eines neuen Ökosystems
Nach dem Tod treibt ein Wal oft mehrere Tage oder sogar Wochen lang an der Oberfläche. Haie, Fische und andere Aasfresser fressen einen Teil seines Gewebes. Allmählich wird der Kadaver schwerer und sinkt schließlich in die Tiefe.

Sobald es den Meeresboden erreicht, wird es zu einer außergewöhnlichen Nahrungsquelle in einer Umgebung, die in der Regel arm an organischem Material ist.
Wissenschaftler unterscheiden mehrere Stadien der Zersetzung: Zunächst kommen große Aasfresser zum Einsatz, dann opportunistische Organismen, gefolgt von spezialisierten Arten, die in der Lage sind, die in den Knochen enthaltenen Lipide zu verwerten.
Zu diesen Lebensgemeinschaften können knochenbohrende Würmer der Gattung Osedax, Weichtiere, Seesterne, Schlangensterne und Muscheln gehören, die durch Chemosynthese überleben. Walkadaver gelten daher als echte Oasen der Artenvielfalt in der Tiefsee.
In der Nähe von Australien wurde ein riesiger Friedhof entdeckt
Das Team um Xiaotong Peng erforschte die Diamantina-Region im südöstlichen Indischen Ozean zwischen Australien und der Antarktis. Mit dem bemannten Tauchboot Fendouzhe führten die Forscher 32 Tauchgänge in Tiefen zwischen 4.616 und 7.001 Metern durch.
Eine einzigartige Entdeckung
Ihre Entdeckung ist bemerkenswert: ein rund 1.200 km langer Unterwasserkorridor, in dem 476 Fossilien von Walen und Delfinen sowie fünf frische Walkadaver gefunden wurden, die noch immer mit lebenden biologischen Gemeinschaften verbunden sind. Den Autoren zufolge handelt es sich um die größte Fundstätte dieser Art, die jemals entdeckt wurde.
Isotopenanalysen zeigen, dass sich diese Ablagerungen über einen Zeitraum von mindestens 5,3 Millionen Jahren angesammelt haben. Die Forscher identifizierten außerdem eine neue fossile Art der Schnabelwale, die den Namen Pterocetus diamantinae erhielt.
„Das älteste Fossil sowie zahlreiche jüngere Schädel belegen, dass sich an dieser Stelle seit mindestens fünf Millionen Jahren kontinuierlich Walkadaver angesammelt haben“, sagte der amerikanische Paläontologe Stephen Godfrey, der nicht an der Studie beteiligt war.
Warum halten sich so viele Wale an derselben Stelle auf?
Der Grund für diese außergewöhnliche Konzentration ist nach wie vor umstritten. Wissenschaftler haben verschiedene Erklärungen vorgeschlagen. Die ungewöhnliche Geografie des Gebiets – eine riesige V-förmige ozeanische Verwerfung – könnte die Ansammlung von Tierkadavern begünstigt haben.

Geringe Sedimentationsraten und bestimmte chemische Bedingungen könnten ebenfalls dazu beigetragen haben, dass die Knochen über Millionen von Jahren hinweg außergewöhnlich gut erhalten blieben. Die Forscher vermuten zudem, dass diese Region einst ein Wanderkorridor für Wale gewesen sein könnte, was die hohe Anzahl der dort gefundenen Überreste erklären würde.
Eine bedeutende Entdeckung für die Artenvielfalt der Tiefsee
Den Autoren der Studie zufolge verändert diese „Wal-Nekropole“ unser Verständnis von Ökosystemen, die mit Walkadavern in Verbindung stehen, grundlegend. Bislang waren bekannte „Whale-Fall“-Standorte selten und vereinzelt.
Die Entdeckung der Diamantina-Region zeigt, dass sie echte ökologische Netzwerke auf ozeanweiter Ebene bilden können.
Die Studie erweitert zudem die bekannten Grenzen dieser Ökosysteme. Während Walkadaver bisher in Tiefen von etwa 4.200 Metern beobachtet worden waren, konnten die Forscher sie hier in einer Tiefe von fast 7.000 Metern nachweisen und stellten damit einen neuen Rekord auf.
Wie das Forschungsteam feststellte, bietet der Fundort einen „einzigartigen Einblick in die Evolutionsgeschichte, die Paläoökologie und die Populationsdynamik der Urwale“.
Quellenhinweis:
Libération avec AFP, (11/06/2026), «D’une importance majeure pour comprendre leur évolution» : un cimetière de près de 500 baleines découvert au fond de l’océan Indien
Peng, X., Zhou, P., Song, X. et al. A 5.3-million-year-old deep-sea whale necropolis in the Diamantina Zone. Nature (2026).
Stephen J. Godfrey, Nature, (10/06/2026), A vast whale necropolis has been found