Das geheime Leben am Tiefseeboden: Im Nordpazifik existieren mehr Tierarten als gedacht

Der Tiefseeboden ist der größte Lebensraum unseres Planeten: Rund 70 Prozent der Erdoberfläche liegen in mehreren tausend Metern Tiefe. Dennoch zählt die Tiefsee zu den am wenigsten erforschten Ökosystemen überhaupt.

Das Forschungsschiff SONNE. Bild: Henry Knauber
Das Forschungsschiff SONNE. Bild: Henry Knauber
Lisa Seyde
Lisa Seyde Meteored Deutschland 5 min

Lange war unklar, wie die Tiere der Tiefsee verbreitet sind und ob sie über enorme Distanzen hinweg miteinander in Kontakt kommen. Ein Forschungsteam der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung hat genau das nun untersucht – anhand winziger Asselkrebse, sogenannter Isopoden, die im Nordpazifik leben.

Isopoden gehören zu den benthischen Organismen, sie leben also direkt auf oder im Meeresboden. Dort ernähren sie sich von Aas, organischem Material oder kleinen wirbellosen Tieren. Isopoden sind nur wenige Millimeter groß.

Meist krabbeln Isopoden langsam über das Sediment, manche Arten können kurz schwimmen oder werden von bodennahen Strömungen verdriftet. Die Tiere galten darum lange als kaum beweglich – und damit als lokal begrenzt. Doch die neuen Studienergebnisse, die nun in Progress in Oceanography veröffentlicht wurden, zeigen, dass eher das Gegenteil der Fall ist.

„Aufgrund dieser geringen Mobilität gelten in der Tiefsee lebende Isopoden gemeinhin als ausbreitungsschwach“, erklärt Henry Knauber, Erstautor der Studie. Gleichzeitig sei es aber sehr schwierig, die tatsächlichen Verbreitungsmuster zu erfassen, da der Tiefseeboden riesig sei und nur punktuell untersucht wird. Besonders die weiten abyssalen Ebenen stellen die Forschung vor Probleme.

Die meist homogenen Tiefseeebenen sind größtenteils frei von markanten geografischen Barrieren und könnten bodenlebenden Tieren theoretisch eine weiträumige Ausbreitung ermöglichen.

Evolutionsbiologische Modelle gehen also davon aus, dass große Entfernungen den genetischen Austausch begrenzen. Gemeinsam mit Prof. Dr. Angelika Brandt und Dr. Torben Riehl, beide ebenfalls vom Frankfurter Forschungsinstitut, untersuchte Knauber deshalb Biodiversität und Biogeografie der nordpazifischen Tiefsee-Isopoden. Untersucht wurden Regionen rund um den Aleuten-, Kurilen-Kamtschatka- und Japan-Graben. „Ziel unserer Untersuchung war es, den faunistischen Austausch zwischen diesen Regionen zu analysieren“, erläutert Prof. Brandt.

Zwei Isopodenarten

Im Zentrum standen zwei Isopodenfamilien mit unterschiedlicher Lebensweise: Haploniscidae, die auf der Sedimentoberfläche leben, und Macrostylidae, die sich durch den Meeresboden graben. Die Studie stützt sich auf genetische Daten von fast tausend Individuen aus mehreren Expeditionen, darunter die AleutBio-Fahrt mit dem Forschungsschiff SONNE im Jahr 2022.

Die Isopoden der Familie Haploniscidae leben auf dem Sediment. Einige Arten haben Verbreitungsgebiete über mehrere tausend Kilometer. Bild: Senckenberg
Die Isopoden der Familie Haploniscidae leben auf dem Sediment. Einige Arten haben Verbreitungsgebiete über mehrere tausend Kilometer. Bild: Senckenberg

Die Ergebnisse überraschten, denn Haploniscidae-Arten wurden im gesamten Nordpazifik nachgewiesen – von 3200 Metern Tiefe bis hinab zu fast 9600 Metern im Kurilengraben. Besonders artenreich zeigte sich das Kurilen-Kamtschatka-Gebiet.

Die Verbreitungsgebiete mehrerer Haploniscidae-Arten erstrecken sich über Areale von mehreren tausend Kilometern Länge, was erstaunlich ist für Lebewesen, die kleiner als ein Reiskorn sind.

Bei den Macrostylidae hingegen fand sich nur eine Art mit vergleichbar weiter Verbreitung, sagt Knauber. Zudem deckten genetische Analysen zahlreiche bisher unbekannte, äußerlich kaum unterscheidbare Arten auf. „Insgesamt ist die biologische Vielfalt im Nordpazifik dank mehrerer ‚kryptischer‘ Artenkomplexe damit deutlich höher, als es frühere Studien vermuten ließen“, erklärt Brandt.

Diversität durch Distanz?

Gleichzeitig zeigten einige Arten zunehmende genetische Unterschiede mit wachsender Entfernung. Das entsprechende genetische Prinzip wird Isolation durch Distanz genannt. „Damit könnte ‚Isolation durch Distanz‘ eine wichtige Rolle für die außergewöhnlich hohen Biodiversität der Tiefsee spielen“, erklärt Knauber.

Die Studie macht deutlich, wie wenig über die Tiefsee bekannt ist – und wie verletzlich sie ist. „Gerade weil viele Arten bislang unentdeckt sind, ist es wichtig, diese Lebensräume besser zu verstehen und zu schützen“, resümiert Brandt. Angesichts von Tiefseebergbau, Klimawandel und Verschmutzung sei Wissen die wichtigste Grundlage für wirksamen Schutz.

Quellenhinweis:

Knauber, H., Brandt, A., & Riehl, T. (2026): Traversing the North Pacific: Biogeography and connectivity patterns of deep-sea isopods across three trench systems. Progress in Oceanography.