Neue Fossilienfunde bringen die Neandertaler näher an den modernen Menschen heran

Wissenschaftler, die außergewöhnlich seltene Fossilien von Neandertaler-Säuglingen untersuchen, haben überraschende Hinweise entdeckt, die lang gehegte Annahmen über unsere Vorfahren in Frage stellen und faszinierende neue Fragen darüber aufwerfen, was sie wirklich von uns unterschied.

Computergeneriertes Bild eines Neandertalers. Bildquelle: Pixabay.
Computergeneriertes Bild eines Neandertalers. Bildquelle: Pixabay.
Hattie Russell
Hattie Russell Meteored Vereinigtes Königreich 4 min

Eine neue Studie hat die Frage aufgeworfen, ob sich Neandertaler wirklich so sehr von uns modernen Menschen unterscheiden. Im Rahmen der Untersuchung wurden seltene Überreste von Neandertaler-Säuglingen aus der Sesselfelsgrotte in Niederbayern analysiert. Dort stellten die Wissenschaftler fest, dass sich Neandertaler und moderne Menschen in ihrer frühesten kindlichen Entwicklung ähnlicher waren als bisher angenommen.

Die Studie wurde im Rahmen des SHARP-Projekts durchgeführt, das von der National Geographic Society finanziert und von Alvise Barbieri am Interdisziplinären Zentrum für Archäologie und Evolution des menschlichen Verhaltens (ICArEHB) der Universität der Algarve geleitet wurde.

Wie sehr unterscheiden wir uns?

Der Körperbau erwachsener Neandertaler unterscheidet sich stark von dem des modernen Menschen, weist jedoch auch einige Gemeinsamkeiten auf. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass beide Menschenformen zumindest in den späteren Stadien der Schwangerschaft auffallend ähnliche Wachstumsprozesse durchliefen“, erklärte Prof. Dr. Thorsten Uthmeier, Lehrstuhl für Urgeschichte an der FAU.

Diese neuen Erkenntnisse liefern wichtige Impulse für die anhaltende Debatte: „Genetische Analysen haben gezeigt, dass Neandertaler und moderne Menschen eng miteinander verwandt waren. Dennoch wird intensiv darüber diskutiert, ob diese genetische Verwandtschaft ausreicht, um Neandertaler als Unterart der Gattung Homo sapiens zu betrachten, zu der wir gehören.“

Das internationale Team untersuchte mithilfe hochauflösender Mikro-Computertomographie (Mikro-CT) die Fossilien von drei jungen Neandertalern, die vor etwa 75.000 bis 50.000 Jahren lebten. Zu den Fossilien gehörten Knochenfragmente eines Neandertaler-Fötus sowie Milchzähne von zwei Kindern. Die Analysen des Fötus, der kurz vor der Geburt verstorben war, zeigen, dass die Entwicklung des fötalen Skeletts den Mustern ähnelt, die wir bei heutigen Menschen beobachten.

Ähnlichkeiten, die in der frühesten Entwicklungsphase entdeckt wurden

Die Mikro-CT-Analysen ergaben, dass die Knochen des Fötus typische Merkmale eines raschen Wachstums im dritten Schwangerschaftstrimester aufweisen. Insgesamt zeigt dies, dass die pränatale Entwicklung der Neandertaler derjenigen des modernen Menschen bemerkenswert ähnlich war.

Die Forscher stellten fest, dass einige Knochen ein etwas fortgeschritteneres Wachstum aufwiesen als die des modernen Menschen. Diese Unterschiede ändern jedoch nichts an der Schlussfolgerung dieser Studie: Es scheint keine grundlegenden Unterschiede in den biologischen Entwicklungsprogrammen von Neandertalern und Homo sapiens in den frühesten Entwicklungsstadien zu geben.

Durch die Untersuchung der beiden Milchzähne konnten die Forscher zudem wertvolle Einblicke in das Leben junger Neandertaler gewinnen. Sie entdeckten Mineralisierungsstörungen, die auf physiologische Probleme vor und kurz nach der Geburt hindeuten. Diese Veränderungen könnten mit einem Mangel an Vitamin D oder Kalzium zusammenhängen, doch das Team konnte die genaue Ursache nicht ermitteln.

Sollte sich diese Interpretation bestätigen, könnten die Funde aus der Sesselfelsgrotte den bislang ältesten bekannten Nachweis für solche frühen Entwicklungsstörungen bei Neandertalern darstellen.

Artikelreferenz

Miszkiewicz, J.J., Godinho, R.M., Sohler-Snoddy, A.M., Pasda, K., Florent, D., Mahoney, P., Rathgeber, T., Posth, C., Thorsten, U. and Barbieri, A.. (2026). Early development of Neanderthals revealed through virtual microanatomy..